Das Problem
Bitcoin funktioniert ohne Banken, ohne Mittelsmann, ohne zentrale Instanz. Das ist eine Stärke – aber es bedeutet auch: Es gibt niemanden, der ein «Passwort zurücksetzen» kann. Wer den Zugang zu seinen Bitcoin verliert, verliert sie endgültig. Es gibt keine Hotline, keinen Kundendienst und kein Formular, das weiterhilft.
Schätzungen gehen davon aus, dass mehrere Millionen Bitcoin bereits unwiederbringlich verloren sind. Ein Teil davon gehörte Personen, die verstorben sind, ohne jemandem den Zugang zu ihren Wallets zu hinterlassen. Die Bitcoin existieren weiterhin auf der Blockchain – aber niemand kann sie jemals wieder bewegen.
Ohne einen Plan gehen Bitcoin beim Tod des Besitzers verloren. Das ist kein technisches Problem, sondern ein organisatorisches. Und es lässt sich lösen.
Warum es wichtig ist
Nachlassplanung für Bitcoin ist nicht nur ein Thema für Grossanleger. Auch bei kleineren Beträgen ist Vorsorge sinnvoll – aus mehreren Gründen.
Auch bei kleineren Beträgen kann sich eine Vorsorge lohnen, da sich der Wert über die Zeit verändern kann. Wer frühzeitig vorsorgt, handelt weitsichtig.
Darüber hinaus ist es eine Frage der Verantwortung gegenüber den Angehörigen. Wer Self-Custody betreibt, hat die volle Kontrolle über seine Bitcoin. Das schliesst die Verantwortung ein, für den Fall vorzusorgen, dass man selbst nicht mehr handlungsfähig ist. Das betrifft nicht nur den Todesfall, sondern auch Situationen wie schwere Krankheit oder Unfall.
Die Herausforderung
Das Kernproblem bei der Bitcoin-Nachlassplanung ist eine Balance zwischen zwei gegensätzlichen Anforderungen.
Sicherheit: Niemand soll heute unbefugt Zugriff auf deine Bitcoin haben. Die Seed Phrase muss geschützt sein – vor Dieben, vor neugierigen Personen, vor jedem, der keinen Zugriff haben sollte.
Zugänglichkeit: Im Ernstfall muss eine berechtigte Person Zugriff bekommen können. Wenn du stirbst oder dauerhaft handlungsunfähig wirst, müssen deine Erben in der Lage sein, auf die Bitcoin zuzugreifen.
Wer das Setup zu komplex gestaltet, riskiert, dass die Erben daran scheitern. Nicht jeder verfügt über technisches Wissen im Bereich Bitcoin. Wer es zu einfach hält, riskiert, dass die Informationen in falsche Hände geraten. Die Lösung liegt irgendwo dazwischen – angepasst an die eigene Situation.
Mögliche Ansätze
Es gibt verschiedene Methoden, die Bitcoin-Vererbung zu regeln. Jede hat Vor- und Nachteile. Welcher Ansatz passt, hängt vom Betrag, vom technischen Wissen der Erben und von der persönlichen Risikotoleranz ab.
Brief im Tresor
Die einfachste Methode: Eine schriftliche Anleitung zusammen mit der Seed Phrase an einem sicheren Ort hinterlegen – zum Beispiel in einem Bankschliessfach oder einem Tresor zu Hause. Der Brief enthält eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie die Wallet geöffnet und die Bitcoin transferiert werden.
Vorteil: Einfach umzusetzen, kein technisches Vorwissen nötig. Nachteil: Wenn jemand den Brief findet – sei es durch Einbruch oder Zufall – hat diese Person vollen Zugriff auf die Bitcoin. Die gesamte Sicherheit hängt an einem einzigen Ort.
Aufgeteilte Information
Ein sichererer Ansatz: Die Informationen werden aufgeteilt. Die Seed Phrase lagert an Ort A (z.B. Bankschliessfach). Die Anleitung zur Wiederherstellung lagert an Ort B (z.B. bei einem Anwalt oder Notar). Eine Vertrauensperson weiss, wo sich beide Teile befinden – hat aber selbst keinen Zugriff auf die Seed Phrase.
Vorteil: Keine einzelne Person und kein einzelner Ort reicht aus, um Zugriff zu erhalten. Nachteil: Etwas aufwendiger in der Umsetzung. Alle Beteiligten müssen informiert sein, und die Informationen müssen aktuell gehalten werden.
Multisig
Multisig (Multi-Signature) ermöglicht es, eine Wallet so einzurichten, dass mehrere Schlüssel benötigt werden, um eine Transaktion zu signieren. Typisch ist ein 2-von-3-Setup: Es gibt drei Schlüssel, und zwei davon sind nötig, um Bitcoin zu bewegen.
Zum Beispiel: Ein Key liegt bei dir, einer bei einer Vertrauensperson, einer bei einem Anwalt oder Treuhänder. Im Alltag nutzt du deinen eigenen Key plus einen der anderen. Im Erbfall können die Vertrauensperson und der Anwalt gemeinsam auf die Bitcoin zugreifen.
Vorteil: Sehr hohe Sicherheit. Kein einzelner Schlüssel reicht für den Zugriff. Nachteil: Technisch anspruchsvoll. Alle Beteiligten müssen das Konzept verstehen, und die Einrichtung erfordert Erfahrung.
Zeitschloss (Timelock)
Bitcoin ermöglicht sogenannte Timelocks – Transaktionen, die erst nach einem bestimmten Zeitpunkt gültig werden. Theoretisch lässt sich damit eine automatische Weitergabe konstruieren: Wenn der Besitzer sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums nicht meldet, werden die Bitcoin an eine vordefinierte Adresse übertragen.
Vorteil: Automatisiert, kein Vertrauen in Dritte nötig. Nachteil: Technisch komplex und fehleranfällig. Eher eine Option für Fortgeschrittene, die sich intensiv mit der Materie auseinandersetzen.
Praktische Anleitung
Unabhängig davon, welchen Ansatz du wählst – die folgenden Schritte bilden die Grundlage für eine solide Bitcoin-Nachlassplanung.
- Inventar erstellen: Halte fest, welche Wallets du verwendest, welche Geräte beteiligt sind und ungefähr welche Beträge sich darauf befinden. Dieses Inventar muss nicht die Seed Phrase enthalten – es dient als Übersicht.
- Anleitung schreiben: Erstelle eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie die Wallet geöffnet wird. Geh davon aus, dass die lesende Person wenig bis kein Bitcoin-Wissen hat. Beschreibe, welches Gerät benötigt wird, welche Software zu installieren ist und wie die Wiederherstellung mit der Seed Phrase funktioniert.
- Informationen verteilen: Entscheide, wo die Seed Phrase aufbewahrt wird, wo die Anleitung liegt und wer über die Existenz beider Teile informiert ist. Trenne die Informationen so, dass kein einzelner Punkt alle Daten enthält.
- Vertrauensperson einweihen: Informiere mindestens eine Vertrauensperson darüber, dass du Bitcoin besitzt und dass du eine Nachlassplanung erstellt hast. Diese Person muss die Seed Phrase nicht kennen – sie muss nur wissen, dass ein Plan existiert und wo die relevanten Informationen zu finden sind.
- Regelmässig aktualisieren: Überprüfe deine Nachlassplanung mindestens einmal pro Jahr. Hast du neue Wallets erstellt? Haben sich Beträge wesentlich verändert? Sind die Anleitungen noch aktuell? Ist die Vertrauensperson noch die richtige Wahl?
Rechtliches (Schweiz)
Die folgenden Hinweise ersetzen keine Rechtsberatung. Sie dienen ausschliesslich der allgemeinen Information.
Bitcoin sollte im Testament erwähnt werden. Es reicht ein Hinweis, dass digitale Vermögenswerte existieren und wo die Zugangsinformationen zu finden sind. Die Seed Phrase selbst gehört nicht ins Testament – Testamente können von verschiedenen Personen eingesehen werden.
Es ist sinnvoll, einen Willensvollstrecker zu benennen, der technisch versiert ist oder zumindest bereit, sich in die Materie einzuarbeiten. Ein Willensvollstrecker, der nicht weiss, was eine Wallet ist, wird Schwierigkeiten haben, den Nachlass abzuwickeln.
Steuerlich sind Bitcoin in der Schweiz als Vermögen deklarationspflichtig. Im Erbfall gelten die kantonalen Regelungen zur Erbschaftssteuer, die je nach Kanton unterschiedlich ausfallen. Direkte Nachkommen und Ehepartner sind in den meisten Kantonen von der Erbschaftssteuer befreit. Für weiter entfernte Verwandte oder nicht verwandte Personen können Steuern anfallen.
Es empfiehlt sich, frühzeitig einen Anwalt oder Notar zu konsultieren, der sich mit digitalen Vermögenswerten auskennt. Die Schnittstelle zwischen Bitcoin und Erbrecht ist noch relativ jung, und nicht jeder Rechtsberater ist mit der Materie vertraut.
Häufige Fehler
Die meisten Probleme bei der Bitcoin-Vererbung entstehen nicht durch die Technologie, sondern durch mangelnde Vorbereitung. Folgende Fehler treten besonders häufig auf.
Seed Phrase nur im Kopf haben: Manche Nutzer memorisieren ihre Seed Phrase und verzichten auf ein physisches Backup. Das ist für den Alltag bereits riskant – im Kontext der Vererbung ist es fatal. Ohne dokumentierten Zugang geht der Zugriff verloren. Eine physische Sicherung auf Papier oder besser auf Stahl ist unverzichtbar.
Niemandem Bescheid geben: Wer Bitcoin besitzt, aber niemandem davon erzählt, hinterlässt keine Spur. Die Erben wissen nicht, dass es etwas zu erben gibt. Mindestens eine Person muss informiert sein.
Zu komplexes Setup: Ein ausgefeiltes System mit mehreren Standorten, verschiedenen Verschlüsselungsschichten und technisch anspruchsvollen Verfahren nützt wenig, wenn die Erben es nicht nachvollziehen können. Die beste Lösung ist die, die tatsächlich funktioniert – nicht die theoretisch sicherste.
Anleitung nicht aktuell halten: Wallets ändern sich, Software wird aktualisiert, Beträge verschieben sich. Eine Anleitung, die vor drei Jahren geschrieben wurde und seither nicht überprüft wurde, kann im Ernstfall veraltet und unbrauchbar sein.
Quellen
- Pamela Morgan – «Cryptoasset Inheritance Planning» (2018)
- Bitcoin Wiki – Inheritance
Nächste Schritte
Die Nachlassplanung für Bitcoin ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess. Diese Guides helfen dir, die relevanten Themen zu vertiefen.