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Der Cantillon-Effekt erklärt

Wenn neues Geld in eine Volkswirtschaft fliesst, erreicht es nicht alle Menschen gleichzeitig. Wer es zuerst erhält, profitiert — wer es zuletzt erhält, zahlt drauf. Dieses Phänomen beschrieb der irisch-französische Ökonom Richard Cantillon bereits im 18. Jahrhundert.

«If the abundance of money in the state comes through the hands of money-lenders, it will doubtless bring down the current rate of interest [...] but it will not fail to raise the price of products and merchandise.»

— Richard Cantillon, «Essai sur la nature du commerce en général», 1755

Was ist der Cantillon-Effekt?

Richard Cantillon (ca. 1680–1734) war ein irisch-französischer Bankier und Ökonom, dessen Werk «Essai sur la nature du commerce en général» erst 1755, über zwanzig Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurde. Es gilt als eine der frühesten systematischen Abhandlungen über Wirtschaftstheorie.

Cantillons zentrale Beobachtung: Wenn die Geldmenge in einer Volkswirtschaft steigt, geschieht das nicht gleichmässig. Neues Geld tritt an einem bestimmten Punkt in die Wirtschaft ein — etwa über den Staat, über Banken oder über den Bergbau (zu Cantillons Zeiten Gold und Silber). Von dort aus verbreitet es sich schrittweise, von Hand zu Hand, durch Transaktionen.

Der Cantillon-Effekt beschreibt die daraus entstehende Ungleichheit: Diejenigen, die das neue Geld zuerst erhalten, können es zu den noch unveränderten, niedrigeren Preisen ausgeben. Bis das Geld die breite Bevölkerung erreicht, sind die Preise bereits gestiegen. Die Letzten in der Kette erfahren nur die Preissteigerung — ohne vorher vom neuen Geld profitiert zu haben.

Wie funktioniert der Cantillon-Effekt?

Der Mechanismus lässt sich in drei Phasen beschreiben:

1. Erstempfänger profitieren

Neues Geld wird von einer Institution geschaffen und an bestimmte Akteure weitergegeben — beispielsweise an Geschäftsbanken durch Zentralbank-Programme. Diese Erstempfänger verfügen über zusätzliche Kaufkraft, bevor sich das Preisniveau angepasst hat. Sie können Vermögenswerte, Güter und Dienstleistungen zu den alten Preisen erwerben.

2. Preise steigen schrittweise

Wenn die Erstempfänger das neue Geld ausgeben, steigt die Nachfrage in bestimmten Sektoren. Die Preise passen sich dort zuerst an — typischerweise bei Vermögenswerten wie Immobilien, Aktien oder Anleihen. Von dort breitet sich die Preissteigerung nach und nach auf andere Bereiche der Wirtschaft aus.

3. Letztempfänger verlieren

Lohnempfänger, Rentner und Sparer erhalten das neue Geld — wenn überhaupt — erst mit erheblicher Verzögerung. Zu diesem Zeitpunkt sind die Preise bereits gestiegen. Ihre reale Kaufkraft sinkt, obwohl die nominalen Preise in der Wirtschaft insgesamt höher liegen. Der Effekt kann zu einer Umverteilung beitragen.

Der Cantillon-Effekt heute

Cantillons Beobachtung aus dem 18. Jahrhundert hat durch die moderne Geldpolitik neue Relevanz erlangt. Seit der Finanzkrise 2008 setzen Zentralbanken weltweit auf Quantitative Easing (QE) — den massenhaften Ankauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren mit neu geschaffenem Zentralbankgeld.

Dieses Geld fliesst nicht direkt an Bürger, sondern an Geschäftsbanken und den Finanzmarkt. Die Transmission verläuft typischerweise so:

  • Zentralbank kauft Anleihen von Banken und institutionellen Investoren.
  • Banken und Investoren erhalten frische Liquidität, die sie in Vermögenswerte investieren — Aktien, Immobilien, Unternehmensanleihen.
  • Vermögenspreise steigen, wovon vor allem Besitzer dieser Vermögenswerte profitieren.
  • Löhne und Konsumgüterpreise passen sich langsamer an — wenn überhaupt im gleichen Ausmass.

Das Ergebnis ist eine wachsende Kluft zwischen Vermögensbesitzern und Lohnempfängern. Wer Aktien und Immobilien hält, sieht sein Vermögen wachsen. Wer auf ein Gehalt angewiesen ist, erlebt stagnierende Reallöhne bei steigenden Lebenshaltungskosten.

Beispiele

Quantitative Easing nach 2008

Nach der Finanzkrise 2008 kaufte die US-Notenbank (Fed) im Rahmen mehrerer QE-Programme Vermögenswerte im Wert von über 4 Billionen US-Dollar. Der S&P 500 stieg zwischen März 2009 und Ende 2019 um über 400 % (Daten: FRED/St. Louis Fed). Die realen Medianlöhne in den USA stiegen im gleichen Zeitraum nur moderat. Immobilienpreise in Grossstädten kletterten auf neue Höchststände, während die Wohneigentumsquote sank.

COVID-Massnahmen 2020–2021

Die geldpolitische Reaktion auf die COVID-Pandemie verstärkte diesen Trend. Allein die Fed weitete ihre Bilanz zwischen März 2020 und Ende 2021 um rund 4,8 Billionen US-Dollar aus (Quelle: Federal Reserve Balance Sheet, FRED). Die Aktienmärkte erreichten trotz Rezession neue Allzeithochs. Immobilienpreise stiegen in zahlreichen Märkten deutlich. Die Konsumentenpreise begannen erst mit Verzögerung zu steigen, was ab 2022 zu einer Inflationswelle führte, die besonders einkommensschwache Haushalte traf.

Die Daten zeigen einen klaren Trend: In den letzten zwei Jahrzehnten sind Vermögenspreise deutlich stärker gestiegen als Löhne. Ob der Cantillon-Effekt die alleinige Erklärung dafür ist, bleibt in der Ökonomie umstritten — doch er liefert einen plausiblen Erklärungsrahmen.

Kritische Einordnung

Die Anwendung des Cantillon-Effekts auf die heutige Geldpolitik ist nicht unumstritten. Einige wichtige Einwände:

  • Komplexität moderner Geldschöpfung: Im heutigen System entsteht Geld überwiegend durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken, nicht nur durch Zentralbankkäufe. Die Transmissionswege sind vielfältiger als in Cantillons Modell.
  • Direkte Transfers: Staatliche Programme wie COVID-Hilfszahlungen oder Kurzarbeitergeld leiten Geld auch direkt an Bürger weiter — was den klassischen Cantillon-Effekt teilweise abschwächt.
  • Nicht alles ist Cantillon: Steigende Vermögenspreise haben viele Ursachen — technologischer Wandel, Globalisierung, Demografie. Der Cantillon-Effekt ist ein Faktor unter vielen, nicht die einzige Erklärung.
  • Empirische Schwierigkeiten: Den Effekt präzise zu messen und von anderen Einflüssen zu isolieren, ist methodisch anspruchsvoll.

Relevanz für Bitcoin

Bitcoin wurde bewusst mit einer fixen Geldmenge von 21 Millionen Einheiten konzipiert. Neues Bitcoin entsteht ausschliesslich durch Mining — einen transparenten, regelbasierten Prozess, der für alle Teilnehmer gleich funktioniert. Es gibt keine Zentralbank, die Geld an bevorzugte Empfänger verteilen kann.

In einem System mit fixer Geldmenge kann kein Cantillon-Effekt durch Geldmengenausweitung entstehen. Es gibt keine Erstempfänger, die von frisch geschaffenem Geld profitieren, und keine Letztempfänger, die die Kosten tragen. Das macht Bitcoin für Befürworter zu einem faireren Geldsystem — zumindest in Bezug auf monetäre Umverteilung.

Kritiker wenden ein, dass auch Bitcoin Verteilungseffekte kennt — etwa durch die Konzentration von Mining-Kapazitäten oder die Tatsache, dass frühe Nutzer zu niedrigeren Preisen kaufen konnten. Diese Effekte sind jedoch nicht mit einer fortlaufenden, institutionell gesteuerten Geldmengenausweitung vergleichbar.

Quellen

Nächste Schritte

Der Cantillon-Effekt zeigt die Verteilungswirkung von Geldschöpfung. Erfahre mehr über das System, in dem dieser Effekt wirkt — und über Alternativen.

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