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Wer ist Satoshi Nakamoto?

Am 31. Oktober 2008 veröffentlichte eine Person oder Gruppe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto das Bitcoin-Whitepaper. Drei Jahre später verschwand sie spurlos. Bis heute weiss niemand, wer dahintersteckt, und das ist vielleicht kein Zufall.

Was wissen wir sicher?

Überraschend wenig. Was als gesichert gilt:

  • Satoshi Nakamoto ist ein Pseudonym. Ob es sich um eine Einzelperson oder eine Gruppe handelt, ist unbekannt.
  • Die Kommunikation erfolgte ausschliesslich auf Englisch, mit britischer Rechtschreibung («colour», «optimise»).
  • Aktivitätsmuster in frühen Forum-Posts und E-Mails deuten auf eine Zeitzone irgendwo im europäischen oder amerikanischen Raum hin, wobei die Auswertungen sich widersprechen.
  • Satoshi hat nie persönliche Informationen preisgegeben. Auf die Frage nach seinem Alter antwortete er einmal: «I am not going to say I'm a 36-year-old Japanese man», was ebenso wenig hilft.
  • Die letzten öffentlichen Nachrichten stammen aus dem April 2011.

Das Whitepaper und die frühen Jahre

Am 31. Oktober 2008, mitten in der globalen Finanzkrise, erschien auf einer Kryptographie-Mailingliste eine E-Mail mit dem Betreff: «Bitcoin P2P e-cash paper». Der Absender: satoshi@vistomail.com.

Das neun Seiten lange Dokument trug den Titel «Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System» und beschrieb ein System, das digitale Zahlungen ohne vertrauenswürdige Drittpartei ermöglicht. Das Whitepaper löste ein Problem, an dem Kryptographen seit Jahrzehnten gescheitert waren: das Double-Spend-Problem: Wie verhindert man, dass digitales Geld doppelt ausgegeben wird, ohne eine zentrale Instanz?

«What is needed is an electronic payment system based on cryptographic proof instead of trust, allowing any two willing parties to transact directly with each other without the need for a trusted third party.»

Satoshi Nakamoto, Bitcoin Whitepaper, 2008

Am 3. Januar 2009 um 18:15:05 UTC schürfte Satoshi den ersten Block, den sogenannten Genesis Block. In dessen Coinbase-Transaktion bettete er eine Schlagzeile der Times vom selben Tag ein: ein Zeitstempel und ein politisches Statement zugleich. Die vollständige Geschichte des Genesis Blocks ist im Artikel Die Geschichte von Bitcoin beschrieben.

In den folgenden zwei Jahren kommunizierte Satoshi aktiv: Er beantwortete technische Fragen im Bitcointalk-Forum, tauschte sich per E-Mail mit Entwicklern aus und koordinierte frühe Beitragende wie Hal Finney, Gavin Andresen und Martti Malmi.

Das Verschwinden

Im Dezember 2010 begann sich Satoshi schrittweise zurückzuziehen. Als WikiLeaks anfing, Bitcoin-Spenden anzunehmen und damit internationale Aufmerksamkeit auf das junge Netzwerk lenkte, schrieb Satoshi im Forum:

«It would have been nice to get this attention in any other context. WikiLeaks has kicked the hornet's nest, and the swarm is headed towards us.»

Satoshi Nakamoto, Bitcointalk, Dezember 2010

Wenige Wochen später übergab Satoshi die Kontrolle über den Bitcoin-Source-Code und die Domain bitcoin.org an Gavin Andresen. Im April 2011 schrieb er in seiner letzten bekannten E-Mail an Andresen:

«I've moved on to other things. It's in good hands with Gavin and everyone.»

Satoshi Nakamoto, letzte bekannte E-Mail an Gavin Andresen, April 2011

Seitdem: Stille. Keine verifizierten öffentlichen Kommunikationen mehr. Mehrere spätere «Satoshi-Meldungen» im Forum stellten sich als Hacks des alten Accounts heraus.

Der unangetastete Schatz

In den frühen Jahren des Bitcoin-Netzwerks wurden die meisten Blöcke von Satoshi selbst gemint. Blockchain-Analysen deuten darauf hin, dass Satoshi rund 1,1 Millionen Bitcoin gemint hat.

Diese Coins liegen bis heute nahezu unberührt in frühen Wallets. Bei einem Bitcoin-Preis von 90 000 USD entspricht das einem Wert von fast 100 Milliarden Dollar, und sie wurden nie bewegt.

Das ist einer der stärksten Hinweise darauf, dass Satoshi entweder verstorben ist, die Keys verloren hat, oder bewusst entschieden hat, das Geld nie anzurühren, um den Markt nicht zu erschüttern und die eigene Anonymität zu wahren. Jede Bewegung dieser Coins würde sofort weltweit registriert und würde Satoshis Identität einem erheblichen Enttarnungsrisiko aussetzen.

Die Theorien: Wer steckt dahinter?

Im Laufe der Jahre wurden zahlreiche Personen als mögliche Satoshi-Kandidaten gehandelt. Die wichtigsten:

Adam Back

Der britische Kryptograph erfand 1997 HashCash, das Proof-of-Work-System, auf dem Bitcoins Mining direkt aufbaut, und ist neben Wei Dai eines der zwei lebenden Individuen, die Satoshi im Whitepaper namentlich zitiert. Back kommunizierte 2008 direkt mit Satoshi per E-Mail, bevor das Whitepaper veröffentlicht wurde. Er bestreitet, Satoshi zu sein, und leitet heute Blockstream, ein Bitcoin-Infrastrukturunternehmen.

Wei Dai

Der Informatiker veröffentlichte 1998 das Konzept b-money, ein anonymes, verteiltes elektronisches Geldsystem, das Satoshi im Whitepaper ebenfalls direkt zitiert. Satoshi kontaktierte Dai vor der Veröffentlichung des Whitepapers. Dai ist eine äusserst zurückgezogene Person, deren öffentliche Präsenz auf wenige frühe Beiträge beschränkt ist, was ihn für manche zu einem plausiblen Kandidaten macht.

David Chaum

Der amerikanische Kryptograph gilt als Pionier digitalen Geldes: Sein System DigiCash (1989) war der erste ernsthafte Versuch eines kryptographisch gesicherten Zahlungsmittels. Chaum legte konzeptionell den Grundstein für vieles, was in Bitcoin auftaucht. Er ist jedoch eine sehr öffentliche Figur und arbeitet weiterhin aktiv in der Branche, was eine geheime Urheberschaft erschwert. Die meisten Forscher sehen ihn als Inspiration, nicht als Autor.

Hal Finney (1956–2014)

Der Kryptograph und Computerwissenschaftler war der erste Empfänger einer Bitcoin-Transaktion. Satoshi sandte ihm am 12. Januar 2009 zehn Bitcoin. Finney arbeitete bei PGP Corporation unter Phil Zimmermann, wo er auch engen Kontakt zu Len Sassaman hatte. Er wohnte in der Nähe eines Dorian Nakamoto (s. u.) in Kalifornien. Er leugnete bis zu seinem Tod, Satoshi zu sein, und seine ALS-Erkrankung schränkte ihn in seinen letzten Jahren stark ein. Er gilt als einer der glaubwürdigsten Kandidaten, als jemand, der die Wahrheit ins Grab mitgenommen haben könnte.

Nick Szabo

Kryptograph und Jurist, Erfinder von Bit Gold (1998), einem direkten Vorläufer von Bitcoin. Szabo hat viele konzeptionelle Ideen, die in Bitcoin auftauchen, Jahre zuvor publiziert. Linguistische Analysen seiner Texte zeigen Ähnlichkeiten mit dem Whitepaper. Er streitet ab, Satoshi zu sein, wobei es umstritten ist, ob das glaubwürdig ist.

Dorian Satoshi Nakamoto

Ein 2014 von Newsweek als «Satoshi» identifizierter japanisch-amerikanischer Physiker aus Kalifornien. Dorian Nakamoto bestritt dies vehement, und die Beweise waren dünn. Der Fall gilt heute als Fehler des Journalismus.

Len Sassaman (1980–2011)

Der belgisch-amerikanische Kryptograph und Cypherpunk arbeitete bei PGP Corporation unter Phil Zimmermann, wo er engen Kontakt zu Hal Finney hatte. Er arbeitete zudem eng mit Adam Back zusammen, dessen HashCash-System direkt in Bitcoins Mining-Mechanismus einfloss. Sassaman kannte die relevanten Kreise, hatte das technische Rüstzeug und teilte die ideologische Überzeugung der Cypherpunk-Bewegung. Er nahm sich im Juli 2011 das Leben, wenige Monate nachdem Satoshi verstummt war. Die zeitliche Koinzidenz und sein Hintergrund machen ihn für einige Forscher zum ernsthaften Kandidaten. Als Hommage bettete die Bitcoin-Community nach seinem Tod eine Gedenknotiz in die Blockchain ein.

Phil Zimmermann

Der Schöpfer von PGP (Pretty Good Privacy, 1991) gilt als eine der prägendsten Figuren der Cypherpunk-Bewegung. Zimmermann lieferte die Grundlage für verschlüsselte digitale Kommunikation, die heute allgegenwärtig ist, und teilte die Überzeugung, dass Kryptographie ein Werkzeug der individuellen Freiheit ist. Er bestreitet, Satoshi zu sein. Sein öffentliches Profil und seine fortlaufende Karriere machen eine geheime Doppelidentität schwer vorstellbar, weshalb er als Kandidat weniger Unterstützung findet als andere.

Eine Gruppe?

Einige Forscher argumentieren, dass das Whitepaper und der frühe Code für eine Einzelperson zu umfangreich und zu ausgereift waren. Bitcoin kombiniert Erkenntnisse aus Kryptographie, verteilten Systemen, Spieltheorie und Ökonomie auf einem Niveau, das tiefes Fachwissen in mehreren Disziplinen voraussetzt. Eine kleine Gruppe, die unter einem gemeinsamen Pseudonym agiert, wäre möglich.

Warum Anonymität wichtig ist

Satoshis Anonymität ist nicht nur ein Rätsel. Sie ist ein Designmerkmal.

Ein bekannter Schöpfer wäre verwundbar: durch Verhaftung, durch Druck, das Protokoll zu ändern, durch Klage, durch Ermordung. Die US-Behörden haben den Gründer von e-Gold (Douglas Jackson) verfolgt und das Unternehmen zerstört. Satoshi kannte diese Gefahr.

Darüber hinaus gibt Satoshis Abwesenheit Bitcoin eine einzigartige Eigenschaft: Es gibt keine Führungspersönlichkeit, die man bestechen, erpressen oder überzeugen kann. Bitcoin ist führerlos, und das macht es widerstandsfähiger als jedes andere Geldsystem zuvor.

Der Journalist und Bitcoin-Autor Paul Vigna brachte es auf den Punkt: «Satoshi Nakamoto ist die wichtigste Person, die niemand kennt.» Nicht weil seine Identität irrelevant wäre, sondern weil seine Abwesenheit das System stärker macht als seine Anwesenheit je könnte.

Häufige Fragen

Lebt Satoshi Nakamoto noch?

Unbekannt. Es gibt keine verifizierten Lebenszeichen seit April 2011. Die Coins bleiben unberührt, was entweder auf Tod, verlorene Keys oder bewusste Inaktivität hindeutet. Über den Tod von Hal Finney (2014) hinaus gibt es keine validen Hinweise.

Könnte Satoshi Bitcoin zerstören?

Nicht mehr. Das Protokoll läuft dezentral auf Tausenden von Nodes. Selbst wenn Satoshi seine 1,1 Millionen Bitcoin auf einmal verkaufen würde, würde das den Preis stark belasten, aber das Netzwerk würde weiterarbeiten. Das Protokoll selbst kann er nicht mehr einseitig verändern.

Warum hat Satoshi nie seine Coins bewegt?

Drei mögliche Gründe: Absicht (um den Markt nicht zu erschüttern und anonym zu bleiben), verlorene Keys, oder Tod. Jede Bewegung dieser Coins würde sofort weltweit registriert und Satoshi identifizierbar machen, was ein enormes Sicherheitsrisiko wäre.

Quellen

BTC ...